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Häuptling

Manipulation der Wahrnehmung durch geschickte Wortwahl ist keine Erfindung der Politik der Neuzeit, sondern spielte auch schon eine wichtige Rolle in den Rechtfertigungsstrategien des Kolonialismus.

Wegen der Andersartigkeit und Unterlegenheit der kolonisierten Gebiete, weigerten sich "weisse" für deren politischen Machthaber Titel zu verwenden, die im europäischen Kontext als Bezeichnungen für Machthaber üblich waren.

Denn durch eine vergleichbare Benennung des Status oder der Funktion eines Machthabers, wäre eine Gleichrangigkeit nahegelegt worden, die die Kolonialherrscher definitiv nicht anstrebten.

"Ausgehend von einer (...) homogenisierenden Wahrnehmung des kolonialen Raumes wurde im 17. Jahrhunderts mit "Häuptling" ein Wort für Machthaber und Herrscher erfunden und etabliert. Damit wurde auf der Begriffsebene eine grundlegende Different zwischen den europäischen Großmächten und von ihnen eroberten und kolonisierten Gebieten produziert."

(Quelle: Afrika und die deutsche Sprache, S. 143, Unrast Verlag, 2009)

Der Begriff "Häuptling" setzt sich zusammen aus dem Wort "Haupt" und der Endung "-ling". Das Wort "Haupt" legt nahe, dass es sich hier um eine Person handelt, die einer überschaubaren, i.d.R. familiär gewachsenen Struktur voran steht. 

Die Endung "-ling" hat häufig eine diminutive Wirkung (Vgl. Erzieher_in / Zögling) aber zumindest meist eine verkleinernde und abwertende Wirkung.  (Vgl. Feigling, Eindringling, Winzling).

Ferner gibt es zum Ausdruck "Häuptling" keine weibliche Form. Dies überträgt die europäische, sexistische Nicht-Wahrnehmung der Macht von Frauen auf die kolonisierten Gebiete  und setzt strukturelle Macht mit Männlichkeit gleich.

Auch heute bringt das Wort "Häuptling" wenn es auf "westliche" Machthaber angewandt wird eine abwertende Bedeutung mit sich und legt nahe, dass ein Machthaber seiner Führungsposition nicht gewachsen wäre oder diese nicht durch demokratische Instrumente erhalten zu haben.

Nicht zu vergessen ist, dass die meisten der kolonisierten Gesellschaften unterschiedlichste hierarchische Strukturen entwickelten. Häufig gab es Ältestenräte oder Gremien in denen über die Belange der Gruppe entschieden wurde.  Der Ausdruck "Häuptling" spiegelt somit auch den Versuch wieder, bekannte Machtverhältnisse auf eine komplett andere Struktur zu übertragen. Dies wurde mit solcher Härte und Vehemenz durchgesetzt, dass sich selbst in vielen der heute noch existierenden Gruppen kolonisierter Gebiete die Bezeichnung und Funktion "Häuptling" (Vgl. "Chief") wieder findet.

Anzumerken bleibt noch, dass das heutige Bild von z.B. Native Americans (Vgl. die koloniale Bezeichnung "Indianer") hauptsächlich durch die romantisierenden Schriften Karl Mays entstanden, der bekanntermaßen selbst nie einen Fuß auf ein kolonisiertes Gebiet gesetzt hat. 
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